60 Quadratmeter Grundversorgung und ein Auto

Hilfsmittelversorgung auf dem Land
Bevölkerungsrückgang und Überalterung treffen ländliche Regionen besonders hart. Immer weniger Ärzte wollen hier praktizieren, aber auch andere Bereiche der Gesundheitsversorgung stehen unter Druck – etwa die Sanitätsfachgeschäfte. Ein Besuch in Anklam, unweit der polnischen Grenze.

Freitag, 02. Dezember 2016
Hilfsmittelversorgung auf dem Land
© Tobias Gratz

Es ist 8.30 Uhr, die meisten Praxen des Ärztehauses in der Leipziger Allee der Hansestadt Anklam sind noch geschlossen. Auch bei Kerstin Tuchen ist die Tür noch zu. Die 48-Jährige leitet eines der 60 Sanitätsfachgeschäfte des Hilfsmittelversorgers OTB im Innenhof des dreistöckigen Neubaukomplexes. Eine halbe Stunde hat Tuchen noch Zeit, bis die ersten Kunden kommen. Sie fährt den Computer hoch, rückt ihre Brille zurecht und sortiert dann zusammen mit ihrer Kollegin Maria Bluhm die Bandagen ein, die am Abend zuvor geliefert wurden. Bluhm reißt die Kartons auf und Tuchen räumt die Ware in die richtigen Fächer.

Dann klopft es draußen an die Scheibe. Vor dem Sanitätsfachgeschäft steht eine ältere Frau und wedelt mit einem Rezept. Tuchen legt die Bandage, die sie gerade in der Hand hält, zur Seite, greift nach dem Schlüssel und öffnet die Tür – mit einem Lächeln. Offiziell geöffnet wird zwar erst um 9 Uhr, aber für ihre Kunden macht Tuchen auch mal eine halbe Stunde früher auf.

Die meisten Kunden, die kommen, sind Rentner aus den umliegenden Gemeinden. Wenn sie in dem kleinen viereckigen Innenhof des Ärztehauses angelangt sind, haben sie oft eine lange Fahrt hinter sich. Sind sie schon mal in der Stadt, ist einiges zu erledigen: der Besuch beim Hausarzt, der Brillencheck beim Optiker, der Einkauf im Supermarkt. Wer nachmittags den letzten Bus nach Ziethen, Ducherow oder Rossin verpasst, muss sehen, wie er nach Hause kommt.

Generell ist es um die medizinische Versorgung auf dem Land schlecht bestellt. Doch während über Praxissterben und Ärztemangel längst und breit diskutiert wird, spricht über die Hilfsmittelversorgung kaum jemand.

Hilfsmittelversorgung auf dem Land
Hilfsmittelversorgung auf dem Land
© Tobias Gratz

Vier Stunden für Hin- und Rückfahrt sind keine Seltenheit

Im Jahr 2014 veröffentlichte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen einen 405 Seiten dicken Wälzer mit dem Titel „Bedarfsgerechte Versorgung − Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche“. Sanitätsfachgeschäfte werden an keiner Stelle erwähnt. Auch in der Bedarfsplanung der gesetzlichen Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigungen spielen sie keine Rolle.

In Anklam gibt es insgesamt drei Sanitätsfachgeschäfte. Das klingt nach viel für einen Ort, der gerade mal 12.500 Einwohner hat, – ist es aber nicht. Denn die drei Sanitätshäuser versorgen nicht nur die kleine Hansestadt, sondern auch große Teile der umliegenden Region. „Gut 30 Kilometer umfasst unser Einzugsgebiet“, sagt Tuchen.

Wie viele andere ländliche Regionen Deutschlands ist auch Mecklenburg-Vorpommern von Abwanderung betroffen. Vor dem Mauerfall lebten knapp zwei Millionen Menschen in dem Land zwischen Schwerin und der polnischen Grenze. Seither hat das Land fast ein Viertel seiner Einwohner verloren. Heute ist die Region an der Ostsee das am dünnsten besiedelte Bundesland.

Was die Natur freut, ist für Tuchen und ihre Kunden ein ernstes Problem. „Mit dem Bus“, erzählt die Fachkraft, „brauchen manche von ihnen bis zu vier Stunden für die Hin- und Rückfahrt.“ Wer nicht mehr gut zu Fuß ist und niemanden hat, der ihn fährt, überlegt zweimal, ob er den Weg über die holprige Landstraße tatsächlich auf sich nimmt, um sein Hilfsmittel-Rezept einzulösen.

In die Anklamer OTB-Filiale kommen immer wieder ältere Frauen, die ihre Kompressionsstrümpfe selbst repariert haben. Obwohl ihnen alle sechs Monate ein neues Paar zusteht, flicken sie die Löcher und Laufmaschen der alten Strümpfe und warten, bis es gar nicht mehr geht. „So sparen die Krankenkassen vielleicht ein paar Euro“, sagt Kerstin Tuchen, „den Venen helfen alte Strümpfe allerdings weniger.“

Früher gab es nur Nagelscheren und fleischfarbene Strümpfe

Die 48-Jährige mit den kurzen, blonden Haaren ist in Ueckermünde am schönen Stettiner Haff aufgewachsen und hat bereits zum Ende der DDR-Zeit im Sanitätsfachhandel gearbeitet. Als sie in ihrem ersten Geschäft anfing, war sie gerade Mitte 20. Dann kam die Wende, Tuchen zog in den Westen nach Schleswig-Holstein und gründete eine Familie. Seit gut drei Jahren ist sie wieder zurück in der Heimat und lebt mit ihrem Mann und der elfjährigen Tochter in Mönkebude, einem kleinen Dorf gut 30 Kilometer von Anklam entfernt.

Seit 2015 arbeitet sie in der Hansestadt in der OTB-Filiale. „In der DDR“, erzählt sie, „hatten wir nicht viel mehr als Rollstühle, fleischfarbene Kompressionsstrümpfe und Nagelscheren im Angebot.“ Seither hat sich eine Menge verändert. Inzwischen gibt es in Großstädten moderne, attraktive Sanitätshäuser, die nicht mehr nach Krankheit aussehen, sondern nach Aktivität und Leben. Hinzu kommen Spezialisten, die etwa sensomotorische Einlagen für Skifahrer, High-Tech-Bewegungsanalysen oder auch Fallschirmspringer-Equipment für Rollstuhlfahrer anbieten.

Tuchen findet so etwas toll. „Bei uns geht es aber vor allem um die Grundversorgung“, sagt sie. Neben dem Eingang der kaum 60 Quadratmeter großen Filiale stehen mehrere Rollatoren, in den Regalen stapeln sich Bandagen und links am Tresen baumelt neben einem großen blauen Gymnastikball eine Farbpalette für Kompressionsstrümpfe. Im hinteren Teil gibt es dazu noch eine kleine Orthopädiewerkstatt und eine Beratungskabine, in der auch Fuß- oder Beinprothesen angepasst werden. Seit es sich in Anklam herumgesprochen hat, dass OTB Frauen mit Brustkrebs versorgt, kommen immer mehr Betroffene mit einem Rezept für eine Brustprothese hierher.

(...)

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