„Das Lymphhaus war längst überfällig“

Antwerpener "Lymfehuis": Therapiezentrum und Begegnungsstätte
Es ist das erste Haus seiner Art in ganz Belgien: ein Ort , an dem Patienten mit Lymphödem sowie Ärzte und Therapeuten außerhalb eines Krankenhauses zusammenkommen. Das Antwerpener „Lymfehuis“ (dt. Lymphhaus) ist nicht nur ein Therapiezentrum, es ist auch ein Ort der Begegnung.

Dienstag, 04. Oktober 2016
Manuelle Lymphdrainage
Manuelle Lymphdrainage ist ein wesentlicher Baustein der Lymphtherapie. © Tim Decock, Stefan Durstewitz

Das schmale Reihenhaus sieht aus wie alle anderen an dieser langen Ausfallstraße Antwerpens: zweistöckig, Klinkersteinfassade, Glasfront zur Straßenseite. Nichts deutet auf das Besondere hin. Ein Aushang im Fenster macht klar, dass die Adresse stimmt: „Het Lymfehuis“ steht dort mit kleinen Lettern geschrieben. Der karge Empfangsraum zeigt : Hier muss vor kurzem ein Einzug nur mit dem Allernötigsten stattgefunden haben. „Es ist alles noch brandneu“, bestätigt Tim Decock.

Der Physiotherapeut , spezialisiert auf die Manuelle Lymphdrainage nach Dr. Vodder (ML), wartet im Obergeschoss vor einer geöffneten Glastür. Im Hintergrund ist eine Behandlungsliege zu sehen. Eine Patientin verlässt das Zimmer, drei weitere warten auf weißen Sesseln neben der Empfangstheke. Es ist sieben Uhr abends. Eine sportliche Frau erklimmt gerade die letzten Treppenstufen ins Obergeschoss. Lore Fias, Gefäßchirurgin und Phlebologin, kommt vom Universitätskrankenhaus Antwerpen, wo sie tagsüber arbeitet. „Vor drei Wochen sind wir eingezogen“, sagt sie, kaum außer Atem. Tim Decock, in Jeans und modischem Hemd, lacht: „Eine Kaffeemaschine haben wir aber schon.“

Nicht Lymphklinik, sondern Lymphhaus

Zum Kaffeetrinken jedoch dürfte Decock und Fias in den letzten drei Wochen nur wenig Zeit geblieben sein. Mag das Lymphhaus nach außen hin spartanisch wirken, seine Ziele kann man indes mit Fug und Recht als Herkulesaufgabe bezeichnen. Die in der Umsetzung durchaus Spaß zu machen scheint , wie die beiden, trotz der vorgerückten Abendstunde, scherzend demonstrieren.

„Wir haben unseren Traum endlich erfüllt“, sagt Fias. Aus ihren Worten klingt ein besonderer Ton der Überzeugung. „Wir wollen Lymphödempatienten einen zentralen Ort geben, der ihnen die weiten Wege von Therapeut zu Therapeut erspart“, sagt Fias. „Die Patienten haben mit ihrer Erkrankung schon mehr als genug zu tun.“ Decock ergänzt: „Unser Haus haben wir bewusst Lymphhaus genannt. Es soll nicht nach Privatklinik und teuer klingen. Die Hürde ist dann nicht so hoch. Jeder kann kommen und zahlt das Gleiche wie in einer normalen Praxis oder im Krankenhaus.“

Was die Patienten allerdings nur im Lymphhaus erhalten, ist einzigartig: Sie treffen auf Therapeuten und Spezialisten unterschiedlichster Disziplinen, die sonst nur in großen Universitätskrankenhäusern wie beispielsweise dem in Antwerpen beschäftigt sind. Neben Decock und Fias arbeiten zwei Bandagisten im Lymphhaus-Team, die sich unter anderem auf die Behandlung von Patienten mit schwierig zu versorgenden Lymphödemen spezialisiert haben. Wichtig ist dabei die exakte Ausmessung der betroffenen Region des Körpers. Neben dem Kernteam Physiotherapeut-Ärztin-Bandagistin gehören noch ein Psychotherapeut, eine Ernährungsberaterin sowie Ulcus cruris-Krankenpflegekräfte zum erweiterten Mitarbeiterkreis.

Meist die Versorgung der Wahl: flachgestrickte Kompressionsstrümpfe

Zentrale Anlaufstelle für Patienten, eine interdisziplinäre Versorgung – das Lymphhaus ist aber mehr als die Summe dieser Teile. „Wir wollen nach außen wirken“, betont Decock. „Wir wollen aufklären. Noch immer gibt es zu viele Missstände.“

Ein Beispiel ist die Kompressionsstrumpfversorgung in der zweiten Therapiephase. Bei der Behandlung von Lymphödemen hat sich die Entstauungstherapie als erste Therapiephase durchgesetzt. Ein Kompressionsverband in Wickeltechnik übt Druck auf Gewebe und Muskulatur aus. Er unterstützt die Entstauung, fördert den Lymphabfluss und verhindert das Rückfließen der Gewebeflüssigkeit in die betroffenen Körperteile. Auch die manuelle Lymphdrainage, wie Decock sie praktiziert , ist Teil der Entstauungstherapie. In der zweiten Therapiephase erhält der Patient dann spezielle Kompressionsstrümpfe, die den Entstauungserfolg erhalten sollen. Diese Versorgungen für Arme, Hände, Beine und Zehen sind individuell in Flachstricktechnik gefertigt. Flachgestrickte Kompressionsversorgungen können der Anatomie optional angepasst werden. Ihr Gewebe weist einen hohen Arbeitsdruck auf. Dadurch setzen die flachgestrickten Versorgungen dem Gewebe einen höheren Druck entgegen als rundgestrickte Versorgungen. Bei Lipödemen und Lymphödemen sind sie daher meist die Kompressionsversorgung der Wahl. In der Realität werde jedoch oft die falsche Versorgung verschrieben.

Bilder sagen oft mehr als Worte: Fias dreht ihren Laptop zum Mitsehen zur Mitte des Tisches. Eine Aufnahme zeigt ein Bein mit dem lose herabhängenden Bund eines umgekrempelten Kompressionsstrumpfes knapp über dem Knie. Der Oberschenkel ist nahezu abgeschnürt. Das skurrile Bild erinnert an barocke Rüschenstrumpfmode und nicht an moderne Lymphödemtherapie. „So etwas sehen wir immer wieder“, schildert Fias besorgt. „Spätestens beim Anziehen der Versorgung werden die Patienten oft alleingelassen.“ Aufklärung oder Selbstmanagement , wie Fias es nennt , tut not. „Wenn der Patient von uns nach Hause geht , muss er wissen, in welcher Phase er sich befindet und welches die nächsten Schritte sind.“

„Zusammen sind wir noch stärker“

Das Antwerpener Lymphhaus würde seinem Namen nicht gerecht , ließe es nicht noch eine andere Art der Begegnung zu: Auch die Patienten treffen aufeinander und reden. Über Dinge, die selbst ein erfahrener Therapeut und Dozent wie Decock schlicht nicht kennt: „Ich weiß zwar, was auf Frauen nach einer Brustkrebsoperation an weiteren Maßnahmen zukommt“, sagt der Physiotherapeut , „aber aus eigener Erfahrung sagen, wie es sich anfühlt , kann ich nicht. Das kann nur eine andere Patientin, die beispielsweise eine Bestrahlung selbst erlebt hat.“

Auch solche Dialoge sind es, die Fias und Decock keinen Moment am Lymphhaus zweifeln lassen. „Wir müssen einfach Erfolg haben“, sagen sie selbstbewusst. „Eine solche Einrichtung war längst überfällig.“ Beide behandeln noch zusätzlich Patienten in ihren jeweils eigenen Praxen. Aber der Physiotherapeut und die Ärztin merken jetzt schon: „Zusammen sind wir noch stärker.“

Quelle: Dieser Text ist zuvor im „Bauerfeind Life Kundenmagazin 02/2016“ veröffentlicht worden.

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