„Ich war das erste Mal stolz, ein Korsett zu tragen“

Über die besondere Erfahrung, das eigene Skoliose-Korsett zu bauen
Lysanne Pietruschinski hat Skoliose, eine starke seitliche Verkrümmung und Verdrehung der Wirbelsäule. Im Rahmen ihres Schulpraktikums hat die 16-Jährige in einer Orthopädiewerkstatt an ihrem eigenen Korsett mitgebaut. Uns erzählt sie, wie das war und wieso sie seitdem das Korsett besser akzeptieren kann.

Montag, 23. Januar 2017
Lysanne 1
© OTB GmbH
Lysanne 2
© OTB GmbH

Redaktion: Warum wolltest du dein Praktikum in einer Orthopädiewerkstatt machen?

Lysanne Pietruschinski: Vor gut sechs Jahren diagnostizierte ein Arzt bei mir eine Skoliose und verschrieb mir eine physiotherapeutische Behandlung. Die Skoliose schritt jedoch trotzdem fort. Der nächste Behandlungsschritt war dann das Korsett, das mir nun seit gut vier Jahren regelmäßig in der Orthopädietechnik der OTB angepasst wird. Wie es hergestellt wird, habe ich dabei allerdings nicht erfahren. Das hat mich interessiert – schließlich muss ich das Korsett 23 Stunden am Tag tragen.

Also auch nachts?

Ja. Das finde ich aber nicht so schlimm. Wenn ich schlafe, merke ich es ja nicht. Anstrengender ist es im Sommer, wenn ich unter dem Plastik schwitze oder im Unterricht zu lange sitzen muss. Das tut manchmal ganz schön weh.

War es deine Idee, dein Skoliose-Korsett selbst zu bauen?

Kurz bevor das Praktikum losging, hatte ich einen Termin zur Nachsorge. Da stellte meine Ärztin fest, dass ich wieder ein Stück gewachsen bin und ein neues brauche. Als ich dann Herrn Richter* – das ist einer der Orthopädietechniker – davon erzählte, schlug er vor, dass ich das doch selber machen könnte. Da sagte ich sofort ja. Wie aufwendig das ist, hätte ich nie gedacht.

Der Gipskörper wurde an die Fehlstellung angepasst

Dann erzähl doch mal, wie das abgelaufen ist.

Für den Abdruck wurde ich zuerst von der Hüfte bis zu den Schultern in warme Gipsstreifen eingerollt. Als der Gips getrocknet war, wurde er abgenommen. Den Teil kannte ich. Danach haben wir den Gipskörper gerichtet.

Ihr habt den Abdruck also an deinen Körper angepasst.

Genau. Ich stehe beispielsweise nicht nur schief, sondern auch im Hohlkreuz. Den Gipsabdruck mussten wir darum am Rücken noch mal ausschneiden und so formen, dass er auf meine Wirbelsäule einen Widerstand ausübt und sie in die richtige Position drückt. Den Abdruck meines Körpers so unbearbeitet zu sehen, hat mich allerdings auch etwas erschreckt.

Wieso das?

Er hat mir gezeigt, wie sehr ich im Hohlkreuz stehe.

Und das war dir so nicht bewusst?

Nein. Meinen Körper nehme ich irgendwie falsch wahr.

Was habt ihr gemacht, als die nachmodellierten Stellen trocken waren?

Die Hülle mit Gips ausgegossen. Als der Körper trocken war, haben wir die Hülle entfernt und die Druckpunkte gesetzt, die meine Wirbelsäule gerade halten sollen. Anschließend haben wir eine Plastikplatte bei 180 Grad geschmolzen – weil die so groß war, mussten uns später zwei Mitarbeiter helfen, die Platte wieder aus dem Ofen zu holen. Das war schon krass. Das Plastik haben wir dann um den Gipskörper gelegt. Als es ausgehärtet war, kam abschließend noch der Feinschliff.

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© OTB GmbH

Und dann war es fertig.

Fast. Als Nächstes haben wir das Polster eingeklebt und die Klettverschlüsse hergestellt. Dann musste ich das Korsett anziehen, damit wir die Metallstange einsetzen konnten. Die zeigt mir, wie weit ich das Korsett zumachen muss.

Korsett im „Ice Age“-Style

Wie hat es sich angefühlt, das Korsett dann anzuziehen?

Ich war tatsächlich das erste Mal ein bisschen stolz, es zu tragen. Dadurch, dass ich es mit meinen eigenen Händen mitgebaut habe, spüre ich eine richtige Bindung zu dem Korsett. Wenn ich es heute anlege, fühlt es sich irgendwie weniger fremd an. Das hilft mir auch, die Therapie besser zu akzeptieren.

Hast du dir für dein Korsett noch irgendwas Besonderes ausgedacht?

Ich habe mich zum ersten Mal getraut, ein Muster draufdrucken zu lassen.

Wie sieht das aus?

Es heißt „Ice Age“ und ist hellblau schattiert. Früher hatte ich immer Angst, dass die anderen die Farben durch meine Kleidung durchsehen könnten. Heute ist mir das nicht mehr so wichtig.

Wirst du wegen des Korsetts manchmal in der Schule gehänselt?

Zum Glück nicht. Es den ganzen Tag anzuhaben, ist zwar nervig, aber dumme Sprüche musste ich deswegen noch nie hören. Manchmal witzeln meine Freunde und ich sogar darüber.

Kannst du dir vorstellen, später selbst Orthopädietechnikerin zu werden?

Eher nicht. Mein Traum ist es, Pilotin zu werden. Wenn das mit meiner Skoliose nicht klappt, werde ich Fluglotsin.

*Der Orthopädie-Techniker Richter arbeitet mittlerweile nicht mehr bei der OTB.

 

Quelle: Ihre Gesundheitsprofis MAGAZIN

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Das Krankheitsbild Skoliose

Rund vier Prozent der Bevölkerung sind von Skoliose betroffen – Frauen wesentlich häufiger als Männer. Die meisten Skoliosen treten im Alter von zehn bis zwölf Jahren auf. Während des Wachstums verkrümmt sich die Wirbelsäule, weil die Wirbelkörper an einer Seite langsamer wachsen als an der anderen. Warum das passiert, ist bislang nicht bekannt. Als Ursache diskutiert werden hormonelle und muskuläre Störungen, aber auch genetische Belastungen / Faktoren. Zu Beginn ist eine Skoliose meist nicht schmerzhaft, wird von vielen Betroffenen aber als optisch störend empfunden. Bleibt die Skoliose unbehandelt und nimmt sie über die Jahre zu, kommt es meist zu starken Rückenschmerzen. Manchmal kann die Verkrümmung sogar die Funktion der inneren Organe beeinträchtigen.

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